Stramme Musik in strammen Uniformen
Die Altstadt im Musikfieber: Am Städtischen Musiktag macht der Musikverband der Stadt Winterthur jährlich mit Platzkonzerten und Defilee lautstark auf sich aufmerksam.
WINTERTHUR – «Ganz schön luut, das Züüg», befand eine Verkäuferin in der Marktgasse, als die Stadtharmonie Eintracht Winterthur Töss um 13 Uhr unter den weit geöffneten Fenstern ihres Geschäfts zu spielen anhob. Drinnen mischten sich die Töne der Bläser und Perkussionisten mit den Klängen aus der Musikberieselungsanlage zu einem abstrusen Kauderwelsch, doch die Fenster schliessen mochte sie keinesfalls. Waren viele Wochenendshopper noch eilig an dem Korps vorbeigehastet, während dieses Aufstellung nahm, so änderte sich das Bewegungsbild rasch, als die Spieler richtig in Fahrt kamen. Vor allem Kinder waren nicht mehr wegzubewegen, zeigten mal hier, mal dorthin, stellten Fragen und freuten sich, wenn sie auf dem Arm des Papas im Takt der fetzigen Musik auf- und abwippen konnten.
Eine Dreiviertelstunde lang präsentierten sich an diesem Samstagmittag zwölf Musikvereine an neun verschiedenen Orten der Stadt mit einem kleinen Ausschnitt aus ihrem grossen Repertoire. Gemeinsam mit den Flohmärktlern genossen sie das schöne Wetter, und genau wie jene hatten sie auch mit dem Wind zu kämpfen, gegen dessen launische Böen nur ein paar zusätzliche Wäscheklammern als Notenbefestigung halfen. Bis kurz vor zwei Uhr hallten die Gassen von gleissenden Trompeten und trommelharten Rhythmen wider, kapitulierten andere Strassenmusiker vor der übermächtigen Konkurrenz. Doch dann hiess es, hurtig zum Bahnhofplatz zu eilen, um den Start des Marschmusikdefilees nicht zu versäumen.
Während einer guten halben Stunde verwandelte sich nun die Stadthausstrasse in eine Arena der Marschmusik. Der Tambourenverein der Stadt fegte vorneweg und lockte binnen Kürze viel neugieriges Volk an den Strassenrand. Anerkennender Applaus begleitete die vorbeimarschierenden Gruppen, von denen die Winterthurer Stadtmusik mit ihrer prächtigen Fantasieuniform wahrscheinlich den ersten Preis in der Kategorie Tenü bekommen hätte, wenn es sich bei diesem Musiktag in irgendeiner Weise um einen Wettbewerb gehandelt hätte. Als einzige Dirigentin schritt Cornelia Weber den musikalisch vereinigten Korps von Blaukreuzlern und Heilsarmee voran, bemerkenswert für eine Position, bei der noch immer Männer stark tonangebend sind. Die Letzten im Defilee, doch keinesfalls als Schlusslicht zu verstehen, waren der Musikverein Seen sowie die Musikgesellschaft «Edelweiss», Wülflingen. Gemeinsam hatten sie sich der anspruchsvollen Präsentation von Evolutionen verschrieben. Hierbei handelt es sich weniger um vererbbare Genmerkmale als vielmehr um das Figurenlaufen während des Musizierens. Mit der kurzweiligen Darbietung ihres Strassenballetts und dem exquisiten Mix aus dunkelgrünen und violetten Uniformen bildeten sie ohne Zweifel den Höhepunkt des Defilees.
Anschliessend startete im Kirchgemeindehaus an der Liebestrasse der Festbetrieb, wo Getränke und Würstchen gereicht wurden und der Musik weiterhin gefrönt wurde. Die Darbietungen des Gastvereins aus Deutschland dürften nicht zuletzt auch wegen der launigen Ansagen seines Vorstandsvorsitzenden im Gedächtnis haften bleiben. Der Musikverein Heitersheim, zwischen Basel und Freiburg im Breisgau beheimatet, hat in Thomas Höfler einen ebenso charmanten wie dialektal eloquenten Redner.
Auch der Winterthurer Nachwuchs verschaffte sich mit dem Auftritt der an der Jugendmusikschule Winterthur und Umgebung beheimateten «Beginners Band» und «Wind Band» selbstbewusst Gehör. Dem Musikverein Oberwinterthur in Gemeinschaft mit der Verkehrspersonalmusik oblag es schliesslich, nach einem kleinen Konzert die Veteranenehrung zu umrahmen, bevor der Städtische Musiktag mit dem Gesamtchor unwiderruflich zu Ende ging.
l ANJA BÜHNEMANN