"Spiel, vorwärts marsch!"
Die Musikvereine der Stadt Winterthur präsentierten am Städtischen Musiktag vom Samstag auch originelle Varianten des Marschierens.
SANDRA BIBERSTEIN
Hoch über dem Kopf hält Christian Hänni seinen Stab. Langsam schwenkt er ihn nach links, lässt ihn fallen und fängt ihn gekonnt wieder auf. Für die Musikanten des Musikvereins Seen und der Musikgesellschaft Edelweiss Wülflingen ist dies das Zeichen, dass sie nun anfangen können zu spielen. Die ersten Trommelschläge setzen ein, bald ist die Melodie von "Schönes Prag" zu erkennen.
Langsam marschiert der Dirigent die Stadthausstrasse hinauf, die Musikanten folgen. Am Strassenrand klatschen die Zuschauer in die Hände. Dirigent Hänni beschleunigt das Tempo, die vier Reihen spalten sich auf und die Musikanten marschieren in zwei Reihen weiter. Dann bleibt Hänni stehen - das Zeichen für die Musikanten, ein paar Meter zurück zu marschieren und sich dann vor dem Casinotheater wieder in vier Reihen aufzustellen und mit dem Dirigenten die Stadthausstrasse weiter hinauf zu schreiten.
Erneut bleiben die Bläser und Trommler stehen. Hänni aber läuft ohne etwas zu merken weiter. Die Musikanten laufen derweil kreuz und quer durcheinander, zuerst nach links, darauf zurück, dann wieder nach rechts. Hänni bleibt stehen, dreht sich um und beginnt mit den Händen zu gestikulieren: "Was soll das jetzt?!", würden seine "Ausrufe" übersetzt lauten. Auch die Passanten bleiben verwundert stehen - eben noch marschierten die anderen Musikvereine brav in Reih und Glied die Stadthausstrasse hinauf.
Originelle Choreografie
Plötzlich halten alle Musikanten inne und posieren einen Moment - das Stück ist zu Ende und somit auch die einstudierte Choreografie der beiden Musikvereine. Der Dirigent gibt ein Zeichen, schnell rennen alle wieder an ihren Platz. Hänni hebt seinen Stab wieder in die Luft und ruft: "Spiel, vorwärts marsch!" Schon beginnt die Choreografie von Neuem. Die Zuschauer und vereinzelte Mitglieder der Stadtmusik Winterthur, der Brass Band Winterthur, der Blaukreuzmusik und der Heilsarmee applaudieren dem letzten Verein des Marschmusik-Defilees: Einen so originellen Marsch hatten sie noch selten gesehen.
Nicht nur der Musikverein Seen und die Musikgesellschaft Edelweiss Wülflingen zeigten am Städtischen Musiktag ihren Einfallsreichtum. Bei den Platzkonzerten kurz vor dem traditionellen Marsch-Defilee durch die Stadthausstrasse zeigen die Stadtjugendmusik und ihre Tambouren, dass sie auch etwas für das jüngere Publikum zu bieten haben. Mit Filmmusik begeistern sie die jüngeren Zuschauer und ihre Familienangehörigen auf dem Kirchplatz. Die Tambouren legen für ein Perkussionsstück ihre Trommeln weg und schlagen mit Stöcken auf Mülltonnen, Eimer und sonstige Behälter aus Eisen und Plastik.
Musik an jeder Ecke
Von jeder Ecke der Altstadt war am Samstagnachmittag Musik zu hören. Passanten in der Marktgasse liessen sich dazu verleiten, in eine der Gassen abzubiegen und zum Beispiel am Neumarktplatz der Stadtmusik Winterthur zuzuhören. In der Obergasse gab das Blasorchester Winterthur Märsche zum Besten. Beim Schulhaus Altstadt lauschten ältere Damen, die gemütlich auf dem Mäuerchen sassen, dem Musik-Corps Alte Garde.
Kurz vor drei Uhr nachmittags war das musikalische Spektakel in der Altstadt bereits wieder vorbei und die Musikvereine zogen sich in das Kirchgemeindehaus Liebestrasse zurück, wo sie den Nachmittag mit ihren Fans und Familienangehörigen gemütlich ausklingen liessen.